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Gastkommentar

Tiny Houses: Minihäuser als Revolution des Wohnens

Tiny Houses können eine sinnvolle Ergänzung für urbanen Wohnraum darstellen, findet Klaus Englert.

Die Zukunft einer sozial befriedeten Gesellschaft ist eng mit einem entkrampften Wohnungsmarkt verbunden. Mangelware ist noch immer die Bereitstellung von gutem und bezahlbarem Wohnraum. Dass diese Forderung keineswegs einen Widerspruch darstellt, haben bereits die modernen Architekten zur Zeit des Bauhauses bewiesen.

Der Schweizer Kunsthistoriker Sigfried Giedion, der eng mit dem Bauhaus verbunden war, setzte sich in den zwanziger Jahren öffentlichkeitswirksam für neue, funktionale und preisgünstige Wohnungen ein. Das sind Forderungen, die heute, nach neunzig Jahren, noch immer Gültigkeit haben.

Tiny Houses - eine 90 Jahre alte Forderung

In der Zeit von Weltwirtschaftskrise und Wohnungsmangel hielt Walter Gropius, der gerade das Bauhaus hinter sich gelassen hatte, auf einem internationalen Architektenkongress 1929 in Frankfurt eine Rede über die notwendige Entwicklung der „Minimalwohnung“. Damals hatte er die Industriebevölkerung im Blick, heute würde er auch an Studenten, prekär Beschäftigte, Migranten, Flüchtlinge, Singles und alleinstehende Rentner denken.

Sein Kollege Giedion pflichtete Gropius bei:

„Gerade die Beschränktheit der Mittel und die Beschränktheit des Raumes werden sich als fördernde Faktoren erweisen. Das Haus für das Existenzminimum muss bei geringerem Preis mehr Komfort bieten als die heute übliche bürgerliche Behausung.“

Das Dessauer Bauhaus griff diese Forderungen vor einigen Jahren wieder auf, weil man erkannte, dass veränderte wirtschaftliche Verhältnisse auch neue Wohnraumkonzepte erfordern.

Die meisten Kommunen haben die Notwendigkeit dieser Forderungen leider noch nicht erkannt. Obwohl sich die sozial prekären Schichten seit den letzten Jahren enorm ausbreiten. Denn laut aktuellem Bericht des „Statistischen Bundesamtes“ liegt in Deutschland die „Armutsgefährdungsquote“ bei 16 Prozent (1998 noch bei 12 Prozent), während 19 Prozent der Bürger „von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht“ sind.

Man lässt lieber kostenloses Parken auf riesigen Parkflächen zu als auf diesen Plätzen, die den Gemeinden keinen einzigen Euro einbringen, neue Formen des Wohnens zu testen.

Berlin als Tiny Houses Vorreiter

Dazu bedarf es natürlich privatwirtschaftliche Investitionen. Aber wenn sich beispielsweise in Düsseldorf für den Umbau der riesigen innerstädtischen Areale von Post und Deutsche Bahn problemlos Investoren finden lassen, so müsste das auch in einem neuen Wohnsektor möglich sein. Berlin spielt hier eine Vorreiterrolle. Auf dem Tiny Houses Festival präsentierte der laotisch-deutsche Architekt Van Bo Le-Mentzel seine Minihäuser.

Ludwigsburg: Mikrohofhaus auf dem Grünstreifen

Auch das schwäbische Ludwigsburg ist den meisten Kommunen um einiges voraus. Ein junges deutsch-chinesisches Architekturbüro hat hier ein so genanntes Mikrohofhaus, mit eigenem Garten, kleinem Pool und einer Felsenbirne errichtet. Das Häuschen für eine Person ist so konstruiert, dass auf minimaler Grundfläche sämtliche Wohnfunktionen untergebracht sind. Einige Einrichtungsgegenstände wie Küchentisch oder Schlafsofa, das gleichzeitig als Sitzgelegenheit und Stauraum genutzt werden kann, können aus der Wand geklappt oder gefaltet werden.

Das Tiny House wurde eigentlich auf einem Nicht-Ort errichtet, der für die Gemeinde keinerlei Wert hat – auf einem Grünstreifen zwischen zwei Fahrbahnen. Allerdings schützt ein Umfriedungswall, der von innen aus Fichtenholz gefertigt wurde, erstaunlich gut vor dem Straßenlärm.

Tiny Houses in den Niederlanden

Besonders die Niederländer können sich glücklich schätzen, weil in ihrer Heimat experimentelle Wohnformen einen höheren Stellenwert genießen. Ausschlaggebend dabei sind die weniger strikten DIN-Normen in den Niederlanden. Das betrifft vor allem Dämmung, Brand- und Schallschutz.

Es kommt hinzu, dass Niederländer bei Experimenten im Wohnungsbau deutlich offener sind. Das betrifft beispielsweise Tiny Houses oder das Wohnen auf dem Wasser. Wegweisend für diese Entwicklung ist Almere, wo kürzlich eine internationale Bouwexpo für Tiny Houses ausgerichtet wurde. Gewonnen hat sie die portugiesische Architektin Ana Rocha, die ihr Wohnexperiment „Slim Fit“ nennt. Es ist ein Minihaus für die Städte, wo der Wohnraum begrenzt ist.

Das Überraschende ihrer Wohnform, die in Almere öffentlich zu besichtigen ist: Trotz der 16 Quadratmeter Grundfläche wirkt der Wohnraum keineswegs gedrängt. Auf der Fläche von zwei Autostellplätzen ließ die Architektin ein kleines Hochhaus mit zwei Obergeschossen errichten: Im Erdgeschoss richtete sie Koch- und Essbereich ein, im ersten Obergeschoss den Wohnbereich und im obersten Geschoss das Schlafgemach mit kleiner Badekabine.

Auf diese Weise konnte Ana Rocha auf drei Etagen fünfzig Quadratmeter Wohnfläche übereinander stapeln. Die Lebensqualität erreicht in diesem neu entwickelten Wohnhochhaus ein höheres Niveau als in den eingeschossigen Minihäusern der „Bouwexpo“, die allesamt eine größere Grundfläche beanspruchen.

Kostengünstiger Aufbau und geringe Grundfläche sind unschlagbare Vorzüge des kleinen Wohnturms. Die Architektin Ana Rocha gibt an, dass die Konstruktionsphase acht bis zehn Wochen dauert, während die Bruttokosten inklusive Inneneinrichtungen und Installationen in den Niederlanden etwa 120.000 Euro betragen. Rocha, die an weiteren Formen des Typs Minihouse arbeitet, will mit dem „Slim Fit“ einen „Mentalitätswandel“ erreichen und damit die wachsende Gruppe von Singles ansprechen, die in der Stadt leben.

Das heißt Singles, die – ungestört von anderen Mietern oder Wohnungseigentümern – „ein kleines, aber komplettes Haus“ bewohnen wollen. Rocha denkt, dass derartige Projekte auf innerstädtischen Brachen, Freiflächen und Parkplätzen gebaut werden können und auf diese Weise zu einer sinnvollen Nachverdichtung beitragen.

Minihäuser haben zudem den Vorteil, dass sie fast unbegrenzt wandelbar und einsetzbar sind. Selbst Stararchitekten wie der Italiener Renzo Piano („Diogene“) und der Däne Bjarke Ingels („A 45“) haben sich mit ihnen auseinandergesetzt, um sie zu kostengünstigen, ökologischen und leicht transportierbaren Wohneinheiten zu machen. Eine Massenproduktion dürfte auch für die Immobilienindustrie von Interesse sein.